Wenn der Lichtbogen im Wasser brennt
Wo Metallkonstrukte sind, fallen Schweißarbeiten an. Auch unter Wasser: Spundwände rosten, Brunnenrohre müssen befestigt, Pipelines repariert werden. Gut, dass es Berufstaucher gibt – und ausgereifte Methoden, die das Schweißen in nasser Umgebung ermöglichen. Doch das schwebende Schweißpersonal muss hohe Anforderungen erfüllen.
Schweißarbeiten unter Wasser
Unter Wasser kann man zwar auch trocken schweißen, doch dafür muss eine luftgefüllte Kammer um den Einsatzort montiert werden. Daher ist Nassschweißen meist die kostengünstigere Wahl, vor allem bei kleineren Arbeiten. Zumal die Qualität der Schweißungen heute sehr gut ist, dank verbesserter Techniken und neuer Werkstoffe.
Bewährte Methode – andere Umgebung
Die gängige Methode ähnelt dem Lichtbogenschweißen an Land: Das Werkstück wird mit einer Klemme unter Strom gesetzt. Sobald der Taucher eine Stabelektrode in die Nähe führt, spannt sich ein leuchtender Bogen zwischen Elektrode und Werkstück.
Dort entstehen Temperaturen von rund 1 300 Grad, so dass das Wasser verdampft. Und das macht den Vorgang erst möglich. Die Hitze lässt den Werkstoff an der Schweißstelle schmelzen. Gleichzeitig schmilzt auch die Elektrode und bildet eine Schweißnaht.
Risikofaktor Elektrizität
Strom unter Wasser? Da schrillen unweigerlich die Alarmglocken. Tatsächlich ist das Risiko eines elektrischen Unfalls beim nassen Schweißen höher als an der Luft. Unter Einhaltung aller Sicherheitsvorkehrungen lässt es sich aber eingrenzen. Isolierende Handschuhe sind Pflicht. Das Zubehör muss definitiv für UW-Arbeiten ausgerichtet sein. Spezielle Stabelektroden zum Beispiel tragen eine wasserabweisende, isolierende Lackschicht.
Es darf nur Gleichstrom mit einer maximalen Leerlaufspannung von 65 Volt fließen. Die verwendeten Maschinen müssen alle Standards erfüllen und regelmäßig gewartet werden. Denn auf dem Markt tummeln sich auch schwarze Schafe, die fragwürdige Geräte zu Schleuderpreisen anbieten. Das kann dann aber die Sicherheit kosten.
Wie bei allen Unterwasserarbeiten sind eine gewissenhafte Vorbereitung und Einsatzplanung das A und O. Und ein ständiger Respekt vor dem fremden Medium. Zum Beispiel muss die Schweißzange beim Elektrodenwechsel spannungsfrei geschaltet werden. Klar, dass hier eine umfassende Spezialausbildung erforderlich ist.
Ein doppelt anspruchsvoller Job
Das Schweißen unter Wasser verlangt ein Höchstmaß an Know-How und Konzentration. Neben dem hohen Gefahrenpotenzial sind auch die Güteanforderungen zu beachten. Schließlich müssen Schweißverbindungen unter Wasser die gleiche Qualität erreichen wie an der Luft.
Der Deutsche Verband für Schweißen (DSV) bietet Lehrgänge nach der DVS-EWF Richtlinie 1186 an, die mit einer Prüfung nach der international gültigen Norm DIN EN ISO 15618 oder auch der amerikanischen AWS D3.6 abgeschlossen werden. Ein Anmeldeformular zum Unterwasserkehlnahtschweisser gibt es hier.
Wer das Nassschweißen lernen möchte, muss schon vorher ein doppelter Profi sein: Voraussetzung ist sowohl eine Tätigkeit als Berufstaucher als auch eine Ausbildung zum Schweißer unter atmosphärischen Bedingungen.
Die Ausbildung zum Berufstaucher
Belastbarkeit, mentale Stärke und ein gesunder Körper zählen zum Grundkapital des Berufstauchers. Wer die Kontrolle verliert oder zu Panik neigt, riskiert sein Leben. Dennoch passieren schwere Unfälle selten, denn schon in der Ausbildung gelten strikte Vorschriften.
Den Weg in die Tiefe bereitet die Fortbildung zum „Geprüften Taucher/Geprüfte Taucherin“. Nur ein Taucherlehrbetrieb mit fest angestelltem Tauchermeister darf sie durchführen. Bewerber müssen folgende Voraussetzungen mitbringen:
• Mindestalter 21 Jahre
• abgeschlossene Ausbildung in einem handwerklichen Beruf oder eine vergleichbare Berufspraxis
• ärztliches Attest (G31-Untersuchung) eines Tauchmediziners + jährliche Nachuntersuchung
• Deutsches Rettungsschwimmabzeichen der DLRG in Bronze
Die Weiterbildung dauert in der Regel zwei Jahre. Dazu gehören, neben 200 Tauchstunden, auch vier außerbetriebliche Lehrgänge bei zugelassenen Instituten. Sie vermitteln die Grundlagen des Tauchens und der Tauchmedizin sowie Fachkenntnisse für die Arbeit unter Wasser.
Schon hier wird ein Schwerpunkt auf das Unterwasserschweißen gesetzt. Nach erfolgreicher Teilnahme darf sich der Taucher zur Abschlussprüfung bei den Industrie- und Handelskammern in Kiel, Lübeck und Mannheim anmelden. Die Verordnung über die Prüfung zum anerkannten Abschluss finden Sie hier.
Fazit
Unterwasserschweißer ist ein Risikoberuf. Ausrüstung und Materialien haben mittlerweile aber ein hohes Sicherheitsniveau erreicht. Die größte Gefahrenquelle kann der Taucher selbst sein. Durch eine instabile Psyche, unkonzentriertes Arbeiten oder Nachlässigkeit bei Wahl und Kontrolle der Ausrüstung. Wer alle Voraussetzungen mitbringt, hat jedoch gute Karten: Unterwasserschweißen gilt als Schlüsselqualifikation der Berufstaucher.
Mit freundlicher Unterstützung von Christine Lendt, www.recherche-text.de
Knochenjob in bis zu 600 m Wassertiefe
Der erste Tauchgang ist auf 8:00 Uhr festgesetzt. An Bord herrscht reges Treiben. Männer in orangen Overalls sind mit allerhand technischem Gerät beschäftigt.
Claus Mayer, Geschäftsführer der Nordseetaucher GmbH aus Ahrensburg bei Hamburg verschließt den Kirby-Morgan-Tauchhelm seines Mitarbeiters Andreas und vergewissert sich, dass die lebenswichtige Atemluftzufuhr und Kommunikation ordnungsgemäß angeschlossen ist. Kurz bevor Andreas ins Wasser gelassen wird, gibt es einen Klaps auf den Taucherhelm als OK-Zeichen. „Alles klar!“, ertönt es aus der Sprechfunkverbindung, die im Tauchhelm integriert ist. Andreas verschwindet in einer gelbbraunen Brühe.
Aus vielen Berufsgruppen
Die Nordseetaucher GmbH wurde im Februar 1989 gegründet. Einsatzgebiete sind Taucherarbeiten auf Bohr- und Förderplattformen, Bergungsarbeiten und Druckluftarbeiten im maschinellen Tunnelvortrieb, Sanierung von Talsperren und Kraftwerksanlagen sowie das Tauchen in kerntechnischen Anlagen. Der Chef, Claus Mayer, beschäftigt derzeit 15 fest angestellte und 45 freiberufliche Taucher, zwei Tauchmeister, fünf geprüfte Unterwasserschweißer nach EN 287, drei Sprengberechtigte, drei Befähigungsscheininhaber für Druckluftarbeiten und eine Vollzeit-Sicherheitsfachkraft. „Bei diesem Job muss man immer 100 Prozent geben, Fehler kann man sich nicht erlauben“, informiert uns Herr Mayer, der u.a. an der Erstellung der BG-Vorschriften für Tauch- und Druckluftarbeiten maßgeblich beteiligt ist.
„Wie gewährleisten Sie die Sicherheit Ihrer Taucher?“, will Scubamarine wissen. Mayer sagt: „Der europäische und nationale Gesetzgeber hat im Arbeitsschutzgesetz die Tätigkeit von Tauchern und Druckluftarbeitern als ‚sehr gefährlich’ eingestuft. Daraus resultiert eine Fülle von Vorschriften. Tauchersicherheit ist aber viel mehr als die strikte Beachtung der BGV C23, wie sie ei der IHK abgeprüft wird. Die konsequente Umsetzung von Sicherheit und Gesundheitsschutz im Sinne modernen Arbeitsschutzmanagement erfordert das Zusammenwirken von Auftraggeber und Auftragnehmer, der Sicherheitsfachkraft und dem Taucharzt. Dazu gehört vor allem die vom Gesetzgeber geforderte Risiko- und Gefährdungsanalyse, die für jeden Einsatz neu angepasst wird.“
Scubamarine: „Welche Schutzmaßnahmen treffen Sie und wie werden diese dokumentiert?“
Mayer:„Ein ‚Rundum-Sorglos-Paket’ sollte auf jeden Fall eine allgemeine und eine einsatzortbezogene Gefährdungsanalyse sowie die Einwirkungsbeurteilung vor Ort, für z.B. Schadstoffe, umfassen. Zudem muss eine arbeitsmedizinische Vorsorge für Gefahrstoffe, Tropen, Impfungen usw. vorliegen. Ein wesentlicher Bestandteil ist die Integration ins betriebliche Arbeitsschutzmanagement, die Strategieansätze für ‚gesundes Tauchen’ sowie eine Präventionsberatung, auch für den privaten Bereich. Für internationale Einsätze existiert ein erprobtes Risikomanagement mit Notfall-Support. Komplettiert wird das Ganze durch betriebsinterne medizinische Fort- und Weiterbildungen.“
Herr Mayer führt uns in seinen Technikraum und verdeutlicht am Beispiel eines Tauchhelms die Komplexität seiner Tauchausrüstung. „Um die stetige Versorgung der Taucher mit Atemgas auch in einer Tiefe von bis zu 300 m zu gewährleisten, muss speziell die persönliche Schutzausrüstung vor und nach jedem Tauchgang genau geprüft werden.“ Herr Mayer nimmt den Helm aus der Ablage und zeigt auf die Anschlüsse:
„Der Helm ist ausgerüstet mit Kommunikation, Helmkamera und Tiefenmesssensoren. Die Luft wird permanent von der Oberfläche über die ‚Nabelschnur’, das Umbilical, zugeführt. Autonomes Tauchen nur mit einem Rückengerät ist nicht zugelassen. Das Umbilical enthält eine Reserveluftleitung sowie ein Kabel für Kommunikation, Kamera, Licht und Tiefenmesssensor.“
Trotz seines martialischen Aussehens wird der Helm behutsam in die Ablage zurückgelegt.
Mayer: „Berufstauchen hat nichts mit verklärtem Abenteuer zu tun. Es ist eine harte Ausbildung und ein weiter Weg. Die zweijährige Grundausbildung gemäß der Fortbildungsverordnung für Geprüfter Taucher/Geprüfte Taucherin findet in Deutschland statt. Wer den Weg des Offshore-Tauchers wählt, muss nach Schottland, Norwegen oder Frankreich reisen, um dort nach den internationalen Richtlinien und Standards der HSE (Health and Safety Executive) ausgebildet zu werden.
In den Niederlanden, Norwegen und Dänemark werden zusätzlich die Ausbildungen für Offshore Safety & Emergency sowie Helicopter Underwater Escape angeboten. Da die Ausbildung zum Berufstaucher eine Fortbildungsmaßnahme ist, sind viele Berufe vertreten: Mechaniker, Schlosser, Schweißer, Elektriker, Betonbauer oder Maurer. Die wenigsten Berufstaucher kommen aber von der Bundesmarine oder Bundeswehr.“
Scubamarine: „Als Sporttaucher kennt man das Buddyteam,also das Tauchen mit zwei Mann. Bei Berufstaucheinsätzen sieht das sicherlich ganz anders aus, oder?“
Mayer: „Gemäß der BGV C23 besteht ein Taucherteam aus drei Mann. Dem Taucher, Reservetaucher und Signalmann. Für die Bedienung der Technik müssen weitere Fach- oder Hilfskräfte beschäftigt werden. Im Offshore-Bereich besteht das Taucherteam in der Regel aus einer Gruppe von bis zu sieben Männern und Frauen für eine Schicht von bis zu zwölf Stunden. Dies sind u.a. der Tauchereinsatzleiter, Taucher, Reservetaucher, Signalmann, und Techniker.
Scubamarine bedankt sich bei Herrn Mayer für das Interview und verabschiedet sich mit dem in der Tauchszene typischen schwarzen Humor: Na dann, Haifischbiss und Lungenriss.
von: Jens Köppe, Scubamarine
Weitere Infos findet Ihr unter http://www.nordseetaucher.de/
Mit Mischgas in extreme Tiefen
Die Bohrinseln der Nordsee stehen in bis zu 600 Meter Tiefe. Unterwasser-Roboter (ROV) werden hinabgeschickt, um die Stahlkonstruktionen zu inspizieren. Manchmal aber muss der Mensch nach dem Rechten sehen oder Reparaturen durchführen. Die Bedingungen, die dabei herrschen, sind selbst für Profis eine harte Nuss. Hier arbeiten nur ausgebildete Sättigungstaucher.
Luft verändert ihre Eigenschaften
Jenseits der Sporttaucher-Grenze liegt eine fremde Welt mit eigenen Gesetzen. Das fängt schon bei der Atemluft an: Normale Pressluft ist dort gar nicht zu gebrauchen, denn sie enthält vor allem Stickstoff (78 Prozent) und Sauerstoff (21 Prozent). Mit dem Umgebungsdruck in zunehmender Tiefe steigt auch der Partialdruck dieser Gase. Und dann zeigen die beiden Komponenten eine höchst unerfreuliche Wirkung.
Wo Sauerstoff giftig wird
Ausgerechnet der lebensnotwendige Sauerstoff wirkt ab einem Partialdruck von ungefähr 1,7 bar toxisch. Und das entspricht einer Wassertiefe von etwa 70 Metern. Die Folge ist eine Sauerstoffvergiftung des zentralen Nervensystems. Der Stickstoff macht schon viel eher Ärger: Er kann ab rund 30 Meter narkotisch wirken.
Das Phänomen, gemeinhin als „Tiefenrausch“ bekannt, schädigt zwar den Körper nicht. Es führt aber zu schweren Rauschzuständen bis hin zur Ohnmacht. Kein erstrebenswerter Zustand für jemanden, der sich tief unter einer Ölplattform befindet.
Große Tiefen – andere Gase
Es müssen also andere Gasgemische her. Hier beginnt der Bereich des „Technical Diving“, weil jeder Einsatz mit komplexen Gasberechnungen und -analysen verbunden ist. Oft sind sogar verschiedene Mischungen für die einzelnen Phasen des Tauchgangs erforderlich. Dementsprechend schwer wiegt die Ausrüstung eines Mischgastauchers. Und das damit verbundene Risiko.
Heliox, Hydrox oder Hydreliox?
Der Großteil der Atemluft kann durch Helium ersetzt werden, denn dieses Gas wirkt kaum narkotisch. Das Ergebnis heißt „Heliox“, solange es nur Helium und Sauerstoff (oxygen) enthält. Allerdings hat Helium wieder andere Nebenwirkungen, leitet zum Beispiel die Wärme schneller ab.
Um das auszugleichen, belässt der Mischgastaucher oft etwas Stickstoff in seiner Atemluft. Dann spricht man von „Trimix“, weil es drei Gase enthält: Helium, Sauerstoff und Stickstoff. Will man gar keinen Stickstoff, aber auch nicht zuviel Helium atmen, gibt es „Hydreliox“. Das steht für Wasserstoff (Hydrogen), Helium und Sauerstoff. Unter Umständen kann auch ganz auf Helium verzichtet werden – und man erhält „Hydrox“.
Welches Gemisch in welcher Konzentration angewendet wird, hängt vom jeweiligen Einsatz ab: Je größer die Tiefe, desto mehr Sauerstoff muss ersetzt werden, um das Risiko der O2-Vergiftung auszuschließen. In extremen Tiefen darf die Luft nur wenige Prozent des Lebenselixiers enthalten.
Aufstiege, die Stunden dauern
Es lauert noch eine Gefahr bei langen, tiefen Taucheinsätzen: Stickstoff und Helium lösen sich unter Druck in den Körpergeweben. Beim Auftauchen darf der Druck dann nur sehr langsam abgebaut werden, sonst perlt das Gas in den Geweben aus – vergleichbar mit einer Sprudelflasche, die zu schnell geöffnet wird. Die dabei entstehenden Blasen können Blut- und Nervenbahnen blockieren.
Folge ist die Dekompressionskrankheit, die Lähmung oder Tod bedeuten kann. Um das zu verhindern, sind langsame Aufstiege mit „Deko-Stops“ in bestimmten Tiefen Pflicht. Das Problem dabei: Ein Berufstaucher, der nur 30 Minuten in 100 Meter Tiefe gearbeitet hat, muss beim Aufstieg bereits mehrere Stunden dekomprimieren. Das ist unbequem und unwirtschaftlich.
Die Lösung: Sättigungstauchen
Deko-Unfälle passieren jedoch nur bei Aufstiegen. In der gleichen Tiefe kann der Taucher theoretisch unendlich lange bleiben, denn die Gewebe sind ab einer bestimmten Gasmenge gesättigt. Der Gasdruck im Gewebe entspricht dann dem Umgebungsdruck, und das macht ein Ausperlen unmöglich. Ein Taucher also, der immer unter dem gleichen Druck gehalten wird, kann wochenlang arbeiten und braucht am Ende nur einen langsamen Aufstieg durchzuführen. Dieses Phänomen machen sich Sättigungstaucher zunutze.
Druckkammer und Taucherglocke
Dabei lässt sich ein raffiniertes System anwenden: Der Berufstaucher wird schon an der Wasseroberfläche unter den Druck gesetzt, der seiner Arbeitstiefe entspricht. Dafür gibt es eine spezielle Druckkammer, und die wiederum ist mit einer Tauchglocke verbunden. Die Glocke wird dann von der Kammer getrennt und auf den Meeresgrund gelassen.
Dort steigen die Taucher aus und erledigen ihre Arbeiten. Nach Feierabend geht es wieder in die Glocke, zurück an die Oberfläche und in die trockene Druckkammer. So kann ein ganzes Team wochenlang unter Wasser arbeiten. Erst danach beginnt die Dekompression in der Druckkammer, die Tage dauern kann.
Notfälle unter Überdruck
Aus der Glocke oder Kammer kommt nur heraus, wer die komplette Deko-Zeit hinter sich gebracht hat. Sättigungstaucher müssen also für jeden Notfall vorbereitet sein. Sie müssen sich selbst helfen können, wenn es technische Probleme gibt oder ein Kollege bewusstlos auf dem Meeresgrund liegt. Mindestens ein Mitarbeiter pro Team sollte eine medizinische Zusatzausbildung haben, um zum Beispiel einen Luftröhrenschnitt durchführen zu können.
Fazit
Sättigungstauchen ist Berufstauchen hoch drei. Anforderungen und Risiken wachsen mit der Einsatztiefe. Die Spezialausbildung kostet, doch der Lohn ist entsprechend hoch. Unter einer Bohrinsel lassen sich mehr als tausend Euro am Tag verdienen. Sich davon blenden zu lassen, wäre fatal: Wer den Job macht, ohne wirklich dafür geeignet zu sein, zahlt am Ende einen hohen Preis.
Mit freundlicher Unterstützung von Christine Lendt, www.recherche-text.de
Scubamarine-Spezials in voller Länge
Ein Job in Dunkelheit und Tiefe
Sie arbeiten in Faultürmen von Kläranlagen, in trüben Teichen und Flüssen, gefluteten Baugruben, verschlammten Schächten. Eingeschränkt durch schwere Ausrüstung und konfrontiert mit dem Stoff, aus dem die Urängste sind.
Dunkelheit, Tiefe und Enge gehören zum Alltag eines Berufstauchers, oft kommen starke Strömungen und Kälte hinzu. Und schlechte Sicht. Zehn Zentimeter gelten in der Branche als „gut“, meist sieht man hier nur mit den Fingerkuppen. Umstände, die nicht gerade förderlich für handwerkliche Tätigkeiten sind. Doch genau das ist ihr Job: Schweißen, Bohren und Sägen unterhalb der Wasserlinie.
Ob Talsperreneinsatz oder Spundwandsanierung, der Arbeitsplatz eines Berufstauchers hat selten etwas Gewöhnliches. Ein paar Spezialisten sind sogar im Kühlwasser von Kernkraftwerken unterwegs. Berufstaucher montieren Leitungen und Kabel in Gewässern, sanieren geflutete Bauwerke, Brücken und Ufermauern, führen Betonarbeiten in Hafenanlagen durch. Sie reparieren und prüfen Objekte unter Wasser. Wenn es sein muss, auch in mehr als 200 Meter Tiefe – zum Beispiel unter Bohrinseln.
Ungewöhnliche Berufsrisiken
Taucher, die in extremen Tiefen arbeiten, gehören zur Elite der Branche. Der Lohn für das so genannte „Sättigungstauchen“ ist hoch, die damit verbundenen Risiken auch. Mit normaler Atemluft kommt man hier nicht weit, Mischgase wie Heliox sind erforderlich. Und damit eine spezielle Ausbildung. Gasberechnung und -analytik müssen bis ins Millionstel stimmen, jede Unachtsamkeit kann schwerste Folgen haben.
Hinzu kommt die lange Dekompression: Wer dort unten war, an einer Bohrinsel in der Nordsee, kann nicht einfach an die Oberfläche zurückkehren. Zu hoch ist der Partialdruck der eingeatmeten Gase, die sich in den Körpergeweben lösen. Der Aufstieg erfolgt über Druckkammern, damit sich die Gewebe entsättigen können. Mitunter dauert das Tage.
Schon das „normale“ Berufstauchen bringt oft lange Austauchzeiten mit sich und birgt besondere Risiken. Stechende Dämpfe und Bakterien können die Arbeit erschweren. Bei extremer Kälte droht Hypothermie. Ausrüstung, Psyche und Mitarbeiter dürfen nicht versagen. Teamwork ist hier mehr als Gerede: Drei Mann hängen mindestens pro Einsatz zusammen, im wahrsten Sinne des Wortes. Taucher und Signalmann sind per Signalleine und Telefonleitung verbunden. Der Dritte im Bunde steht als Sicherungstaucher bereit.
Tauchen in der Großbaustelle
Der Potsdamer Platz in Berlin wäre ohne Taucher nicht bebaubar gewesen. Durch den hohen Grundwasserspiegel füllten sich große Teile der Baugruben. Unterwasserarbeiter mussten das Fundament legen, bevor der Hochbau beginnen konnte. Für Monate gab es künstliche Seen mitten in der Hauptstadt, Boote und Pontons bestimmten das Bild. Die Bauarbeiter trugen Schwimmwesten, und an den Rändern der Gruben hingen Rettungsringe.
In bis zu 23 Meter Tiefe bereiteten Taucher den Grund des Bausees vor. 80 Bautaucher waren damals im Einsatz, im kalten Winter 1995/96. Die Außentemperatur lag bei durchschnittlich minus 15 Grad, die Oberfläche musste ständig eisfrei gehalten werden. Unter Wasser war es deutlich „wärmer“, die Instrumente zeigten konstant zwei Grad. Die Taucher am Potsdamer Platz waren das Thema Nummer Eins, die Baustelle ein beliebtes Postkartenmotiv. Wo unter Wasser gearbeitet wurde, stehen heute Fahrzeuge – auf der untersten Ebene der Tiefgaragen.
Arbeitschutz wird großgeschrieben
Für Berufstaucher gelten zahlreiche Arbeitsschutzvorschriften. Grundlage für die Unfallverhütung ist die BGV C23 . Die komplette Belegschaft muss im Umgang mit Spezialgeräten fit sein, etwa mit der Einmanndruckkammer, die bei Dekompressionsunfällen zum Einsatz kommt. Auch eine Ausbildung in lebensrettenden Sofortmassnahmen ist unerlässlich.
Fazit
Gewerbliches Tauchen hat wenig mit entspanntem Schweben über Korallen gemeinsam. Es ist ein riskanter Job, den nur Profis durchführen sollten. Persönliche Voraussetzungen, Ausbildung und Ausrüstung müssen mit den Sicherheitsstandards übereinstimmen. In jedem Fall handelt es sich hier um einen außergewöhnlichen Beruf. Wer ihn souverän auszuüben weiß, kann sehr gut verdienen – und Eindrücke der ganz besonderen Art gewinnen.
Mit freundlicher Unterstützung von Christine Lendt, www.recherche-text.de